Generative Künstliche Intelligenz (KI) hat Einzug in die deutschen Hochschulen gehalten und prägt inzwischen den Lehr- und Lernalltag. Dies hat eine Vielzahl an Prozessen ausgelöst, um Regelungen für den Einsatz von KI in Studium und Lehre zu entwickeln. Mit dem Ziel, den Stand dieser Maßnahmen zu untersuchen, befragte das Hochschulforum Digitalisierung (HFD) von Mai bis Juni 2025 öffentliche Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW).
Die Ergebnisse zeigen, dass öffentliche Hochschulen gute Grundlagen für den Einsatz von KI geschaffen haben. Das HFD wertet dies als Zeichen, dass KI zur neuen Hochschulrealität gehört. So sieht es auch Professor Marco Barenkamp, KI-Experte und Gründer der auf KI-Entwicklungen spezialisierten LMIS AG:
„Für Hochschulen kann die Frage nicht lauten ‚KI – ja oder nein‘, sondern wie sie diese Entwicklung so gestalten, dass wissenschaftliche Qualität, Souveränität und Innovationskraft gleichermaßen profitieren.“
Vision gesucht: Defizite in der langfristigen Orientierung
Trotz der operativen Fortschritte offenbart der KI-Monitor 2025 Defizite in der strategischen Ausrichtung. Es fehle weiterhin an einer klaren Vision, wie Hochschulbildung im Zeitalter von KI gestaltet sein soll. Laut der Studie beschäftigen sich zwar 97 Prozent der Hochschulen mit KI in Prüfungen und 87 Prozent haben ihre Eigenständigkeitserklärungen aktualisiert – aber nur 43 Prozent haben die Prüfungsordnung generell angepasst.

Mit 90 Prozent stellen die Auswirkungen von KI auf die akademische Integrität das vorrangig diskutierte Thema dar. Die Autoren der Studie betonen, dass vor allem in der Prüfungspraxis und beim wissenschaftlichen Arbeiten die stärksten Veränderungen erwartet werden. Hier werden die größten Handlungsbedarfe wahrgenommen, da gegenwärtige Praktiken durch KI zunehmend an ihre Grenzen stoßen.
Prüfungen im Wandel
Den größten Handlungsdruck sehen die Hochschulen selbst im Prüfungswesen. Hinsichtlich dieser Auswirkungen stellt Barenkamp, Honorarprofessor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Osnabrück, fest, dass sich Prüfungen von einer reinen Ergebnisorientierung hin zu Prozess- und Verständnisorientierung entwickeln müssten.
„Wenn Texte in guter Qualität generiert werden können, halte ich die Frage ‚Wer hat das formuliert?‘ für weniger relevant als das Kriterium ‚Versteht die Kandidatin oder der Kandidat den Inhalt, kann sie oder er ihn erklären und auf neue Fälle anwenden?‘.
Deshalb meint er, dass mündliche Prüfungen, Präsentationen und dialogische Formate in der Hochschulpraxis an Bedeutung gewinnen dürften. Ergänzend könnten klare Transparenzregeln einen verlässlichen Rahmen dafür bieten, wie KI in Prüfungsleistungen eingesetzt werden darf und wie Studierende diesen Einsatz kenntlich zu machen haben. In diesem Kontext könne auch die kompetente Nutzung von KI bei der Erarbeitung eines Ergebnisses selbst Gegenstand der Bewertung sein, etwa im Hinblick auf die zielgerichtete Auswahl, kritische Steuerung und reflektierte Einordnung der KI-generierten Beiträge.“
Angesichts der noch unzureichend angepassten Prüfungsordnungen monieren die Experten des HFD, dass die rechtliche Basis für innovative Formate oft ungenutzt bleibe. Viele Hochschulen befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen kurzfristigen Anpassungen und einer grundlegenden Weiterentwicklung ihrer Modelle, was das HFD als „gefährliche Grauzone“ bezeichnet.
Die Gefahr einer digitalen Spaltung der Hochschullandschaft
Ein zentraler Punkt des Monitors ist die Sorge vor einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Während große Universitäten Lizenzen für Modelle wie Gemini 3 finanzieren können, drohen kleinere Hochschulen den Anschluss zu verlieren. Fast dreimal so viele Vertreter großer Hochschulen gaben an, dass die Budgetentwicklung für langfristige KI-Nutzung auf der Agenda stehe, im Vergleich zu kleineren Einrichtungen.
Interessant ist hierbei der Trendwechsel: Im „Monitor Digitalisierung 360°“ (2023/24) reagierten große Hochschulen noch eher träge auf KI. Dieser Effekt ist nun verflogen – in vielen Handlungsfeldern liegen die großen Institutionen laut der aktuellen Befragung inzwischen weit vorne.
Befragt nach einer expliziten KI-Strategie geben 15 Prozent der Hochschulen an, bereits über eine solche zu verfügen. Weitere 50 Prozent entwickeln derzeit eine Strategie, während 35 Prozent noch keine vorweisen können. Unterm Strich stellt das HFD fest, dass die Relevanz der strategischen Auseinandersetzung zwar verstanden wurde, die Umsetzung aber variiert. Signifikante Unterschiede zwischen HAWs und Universitäten lassen sich dabei bisher nicht feststellen.
Das HFD resümiert, dass eine strategische Auseinandersetzung unabdingbar für eine flächendeckende Integration ist. Die Ergebnisse zeigten, dass Hochschulen nicht mehr nach Gründen für oder gegen KI suchen, sondern nach tragfähigen Wegen für den Umgang mit den tiefgreifenden Veränderungen.
KI-Kompetenz als integraler Bestandteil akademischer Bildung
Abschließend betont Professor Barenkamp, dass KI aus dem Hochschulbereich nicht verbannt werden darf, wenn Studierende auf eine moderne Arbeitswelt vorbereitet werden sollen.
„KI-Kompetenz sollte nachdrücklich verbindlicher Bestandteil akademischer Bildung in allen Studiengängen sein, nicht nur in der Informatik. Das umfasst ein Verständnis der Funktionsweise und Grenzen, die Fähigkeit zur Interpretation und kritischen Prüfung von KI-Ergebnissen sowie den reflektierten Einsatz im jeweiligen Fach. Zugleich sollte gewährleistet sein, dass alle Studierenden, unabhängig von sozialem Hintergrund und Studiengang, einen möglichst barrierearmen Zugang zu hochwertigen KI-Lösungen erhalten. Das trägt nicht nur zu Chancengleichheit bei, sondern unterstützt auch digitale Souveränität im Sinne der hochschulübergreifenden Zielsetzung.“
- https://www.stifterverband.org/pressemitteilungen/2025_09_04_ki_monitor
- https://hochschulforumdigitalisierung.de/wp-content/uploads/2025/09/Blickpunkt_KI-Monitor25.pdf
llustration: shutterstock.com / AnnaStills
Grafik: HFD / KI Monitor 2025
